00:00:19: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Staffel von Präventionsgezwitscher, dem Podcast von Grüner VogelEV.
00:00:24: Schön dass ihr dabei seid!
00:00:26: Diejenigen unter euch die uns schon länger hören kennen mich vielleicht noch aus dem letzten Jahr und damit ist auch klar ja es ist schon wieder ein Jahr her.
00:00:34: Ich bin Fabian Wichmann und begleite Euch in dieser zweiten Staffel.
00:00:37: In unserem Podcast geht es darum Erfahrungen aus der Praxis Unterkenntnisse aus Wissenschaft und Fachdebatten so zusammenzubringen, dass sie verständlich sind und für die eigene Arbeit nutzbar werden.
00:00:47: Diese zweite Staffel begleitet den Fachtag von Grüner Vogel-EV der unter dem Titelstand zwischen Beratung und Therapie Schnittstellen in der Deradikalisierungsarbeit gestalten.
00:00:57: Im Mittelpunkt steht also die Frage, die in der Praxis immer drängender wird Was brauchen Menschen, die sich radikalisieren oder bereits stark radikalisiert sind?
00:01:05: Wenn zu ideologischen Dynamiken auch noch psychische Belastungen und Erkrankungen hinzukommen.
00:01:09: Zum Auftakt hören wir Claudia Danschke von Grüner Vogel.TV.
00:01:13: In ihrer Begrüßung macht sie erst mal sehr klar warum das Thema auf die Tagesordnung gehört.
00:01:18: Sie zeigt dass Beratungsarbeit an ihre Grenzen kommt wo psychische Auffälligkeiten oder Erkankungen mit ins Spiel kommen Und das gleichzeitig therapeutische Angebot oft allein nicht ausrechnen, insbesondere dann wenn es um Radikalisierungsverläufe, Distanzierung und Reintegration geht.
00:01:33: Es geht also um Schnittstellen, um Versorgungslücken und um die Frage wie Beratung, Psychotherapie, Psychiatrie und forensische Hilfesysteme besser zusammengedacht werden können.
00:01:43: Ein spannender Auftakt für diese Staffel.
00:01:45: aber jetzt erstmal viel Spaß beim Zuhören!
00:01:56: Ich frage mich natürlich auch erst mal, dass ich Sie hier begrüßen kann und das Haus wirklich so richtig voll geworden ist.
00:02:04: Wir haben sogar Leute diesmal absagen müssen.
00:02:06: also das war ein echtes Novum.
00:02:08: Also insofern Mischung, was Axel schon gesagt hat.
00:02:11: Dass wir also so Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen haben das finde ich gerade das spannende.
00:02:15: meine Aufgabe ist jetzt erst mal sie zu begrüßen nicht nur im Namen des grünen Vogels sondern auch unsere beiden Kooperationspartner Nexus und Bios Und ich habe am Anfang sozusagen die Aufgabe zu erklären warum dieses Thema und warum diese beiden kooperations partner deswegen vielleicht mal ganz Simpel ist jetzt nichts Großweltbewegendes, aber kennen Sie alle die in der Beratung sind?
00:02:38: Wir sind Fallberater.
00:02:39: Meistens sind wir natürlich auch nicht gleich ausgebildete Psychologin oder Psychotherapeuten.
00:02:44: andersrum Psychologien und Psychotherapeutinnen sind in der Regel keine Fallberatorin weil meistens fehlt Ihnen nochmal die spezielle Fachkompetenz.
00:02:51: In der Beratingsarbeit ist es aber so dass sie BeratungsnehmerInnen haben oder auch Indexpersonen als Personen die sich radikalisieren, die unter psychischen Krankheiten leiden oder psychische Auffälligkeiten zeigen.
00:03:04: Und deswegen benötigen eben diese Klientinnen sowohl psychotherapeutische als auch beratende Angebote.
00:03:10: und wir haben mal geguckt, in wie viele Fällen kommt das eigentlich vor?
00:03:13: Da haben wir unsere Fallstatistik genommen inklusive unserer Zeit als Beratungsteam bei dem früheren Träger noch.
00:03:20: und das sind insgesamt siebenhundertvierzig Fälle die wir bearbeitet haben von zwei tausend zwölf bis zweitausendzwanzig Hundertzwei Fälle davon als im normalen Durchschnitt.
00:03:34: Hundertzwei Fälle waren davon, wo mindestens psychische Auffälligkeiten waren bis hin, dass auch Sachen diagnostiziert waren.
00:03:41: Und das haben wir dann noch mal aufgetröselt in Fälle mit Staatsschutzrelevanz und ohne Staatsschützrelevance.
00:03:48: Das heißt einfache Radikalisierung, ohne dass es in den Bereich Terrorismus oder Ausreise zum IS geht.
00:03:55: Staatsschutztrelevans dann entsprechen das.
00:03:57: Und da sehen Sie, dass sich da die Zahlen doch schon einmal unterscheiden.
00:04:03: Das sehen Sie, dass bei den Fällen wo es dann in die Staatsschutzrelevanz reingehen also wo da doch eine sehr heftige Radikalisierung ist fast doppelt so viele Menschen psychische Auffälligkeiten gezeigt haben als bei den fällen wo's um eine einfache Radikalisierung geht.
00:04:17: Und wir haben uns mal noch eine Studie angeguckt, die das Team in Baden-Württemberg gemacht hat.
00:04:24: Das ist das Staatsschutz und Antiterrorismuszentrum Baden Württmberg.
00:04:29: Die haben dort eine Szene – und zwar die Teerogrammszene!
00:04:32: Das ist eine Online-Szene im rechtsextremen Spektrum miteinander vernetzt.
00:04:37: Und sie haben da sozusagen das Hellfeld untersucht.
00:04:41: Das waren thirty-seven Personen und haben dort ein Studium gemacht, was ganz interessant ist.
00:04:46: Altersverteilung dieser sieben, dreißig Personen.
00:04:49: Sie haben sie acht Personen unter vierzehn Jahren, zehn, neunzehnt Personen, vierzehnte bis achtzehn Jahre und zehn Personen über achtzehnten Jahren also eine teilweise doch sehr junge Szene.
00:04:58: Und diese siebendreißig Sachverhalte wurden als in allen möglichen Richtungen untersucht und da fanden wir dann Die Aussage zu den psychischen Erkrankungen, ganz interessant.
00:05:08: Weil von diesen siebenunddreißig Personen hatten Sie voll... ...von fünfundzwanzig Personen klare Informationen dazu ob entweder psychische Erkankung diagnostiziert waren oder es zumindest psychische Auffälligkeiten gab.
00:05:21: und da sehen Sie bei fünfzehn Personen von diesem siebunddreißig waren psychische erkrankungen diagnostiziert und bei weiteren sechs Personen gab's Anzeichen.
00:05:29: das heißt in dieser hochradikalen Engum-Schlossenden Online-Szene hatten mindestens siebenundfünfzig Prozent eine diagnostizierte psychische Erkrankung oder Anzeichen dafür, was ich dann doch schon mal in einer sehr hohe Zahl finde.
00:05:43: Wie für uns war diese Erkenntnis?
00:05:45: Dass also unsere Klientinnen auch psychische Unterstützung brauchen?
00:05:49: bereits zwei Tausend und vierzehn bei unserem alten Arbeitgeber der ZDK-Gesellschaft Demokratie Kultur GGMBH schon damals eigentlich der Punkt.
00:05:58: darauf müssen wir reagieren.
00:05:59: Und gemeinsam mit Kerstin Sischka wurde damals ein Konzept entwickelt eine eigene psychotherapeutische Abteilung.
00:06:05: Das heißt, hieß damals das diagnostisch-therapeutischen Netzwerkextremismus und so haben wir im Jahr zwei Tausend vierzehn angefangen bzw.
00:06:12: dann zweitausend fünfzehn.
00:06:14: und die Arbeitsweise damals schon.
00:06:16: was notwendig ist unterscheidet sich gar nicht so sehr von heute.
00:06:19: Wir haben konsularische Begleitung gekriegt durch die Psychotherapeuten für die Fallberaterin, es gab Entlastungsgespräche durch DNE mit Beratungsnehmerinnen und Beratungen im Umgang mit dem psychiauffälligen Angehörigen.
00:06:32: Es gab Recherche in Informationsübermittlung zu Teilstationären oder stationären und ambulanten psychiatrischen Angeboten, Notdiensten- und Notfallambulanzen.
00:06:41: Und es gab eine diagnostische Abklärung, supportive Begleitungen und gegebenenfalls Psychotherapieentfehlung.
00:06:46: Diese Erfahrungen, die wir mit DNE gemacht haben konnten wir dann, also uns eigenständig gemacht haben als Grüner Vogel seit Jahrzehntausendtreiundzwanzig, dann intensiv nutzen.
00:06:55: Denn inzwischen gibt es NEXUS ein psychotherapeutisch-psychiatrisches Beratungsnetzwerk unter der Trägerschaft der Charité Universitätsmedizin Berlin und unter der psychotherapeutischen Leileitung von Diplom Psychotherapeuten Kerstin Siskar.
00:07:09: Und seit zwei Tausendtreinzwanziger gibt's eine enge Kooperation zwischen der Beratungsstelle Leben vom grünen Vogel und NEXOS in den gesamten Beratungen.
00:07:18: Und insofern ist das auch logisch, dass wir diesen Fachter heute in Kooperation mit Nexus veranstalten.
00:07:24: Und dann möchte ich Ihnen mal so ein Beispiel nennen, womit wir sozusagen aktuell konfrontiert sind.
00:07:30: Denn dann kommen wir auch dazu wie das dann kam dass wir den zweiten Kooperationspartner ausgewählt haben.
00:07:35: Das ist hier nur ein Fall in einem typischer Fall einer Rückkehrerin aus einem jihadistischen Kampfgebiet.
00:07:41: sie ist vorteilt worden und wir begleiten Sie ja im Strafvollzug aber auch nach der Entlassung bei der Reindikation.
00:07:47: diese Rückkehrerin war zu drei Jahren in drei Monaten haftvorteilt wurden.
00:07:51: In der Haft wurde diagnostiziert eine eine paranoide Schizophrenie.
00:07:56: Sie wird unter Vormundschaft gestellt und ist erfolgt Zwangsmedikation, sie ist dadurch psychisch soweit stabil dass sie nach vollständiger Verbüßung der Gesamtfreiheitsstrafe entlassen werden kann jedoch mit Führungsaufsicht für fünf Jahre und der Weisungen nach der Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung einen festen Wohnsitz zu nehmen vorzugsweise in einem psychiatrischen Wohnheim.
00:08:17: Wir haben dann was gefunden in der Nähe der Familie wird ein Platz in einem Psychiatrischen Wohnheim gefunden.
00:08:22: Problem?
00:08:23: Die Kostenfrage ist nicht geklärt, da das psychiatrische Wohnheim in einem anderen Bundesland befindet als die JVA-Art aus der sie entlassen wurde.
00:08:32: Sie muss aber auch aus dieser psychiatrischen geschlossenen Einrichtung jetzt entlassen werden – die Lösung, die dann kurze Zeit im Raum stand, dass sie bei irgendjemandem unterkommt bis die Kostenfrage geklärt
00:08:43: ist.".
00:08:43: Und genau das ist etwas, wo wir dann als wir BIOS kennengelernt haben die Behandlungsinitiative Opfwortschuss Baden-Württemberg e.V.
00:08:51: geguckt haben dass es da Strukturen gibt, die vielleicht übertragbar sein sollten.
00:08:57: zumindest sollte man darüber mal diskutieren.
00:08:59: BIOS verfügt über etablierte therapeutisch-forensische Strukturen in der Arbeit mit Gewalt und Sexualstraftätern sowie über umfangreiche Erfahrungen in der Umsetzung Präventions- und Interventionsprogramm.
00:09:10: Und was das Wichtige ist, sie arbeiten mit therapeutischen Weisungen durch Gerichte deren Finanzierung geregelt ist.
00:09:16: Die Basis eine Verwaltungsvorschrift in Baden-Württemberg finanziert aus dem Justizministerium gemäß Erlass des Justiz und des Sozialministeriums.
00:09:25: Das fanden wir Klang doch erst mal sehr spannend für ein System, wo Nachhaltige aufeinander abgestimmte Versorgungsstrukturen vorhanden sind die psychotherapeutische und beratende Angebote systematisch miteinander verbinden.
00:09:39: Und deswegen haben wir gesagt müssen wir BIOS unbedingt zu diesem Fachtag als Kooperationspartner holen und gewinnen und das ist uns auch gelungen.
00:09:47: insofern hoffe ich dass wir heute viele Erkenntnisse haben und begrüße nochmal alle recht herzlich Dankeschön.
00:10:12: Das war ja der Auftakt zur unser zweiten Staffel von Präventionsgezwitscher mit dem Vortrag von Claudia und ich finde, dass schon dieser Einstieg sehr deutlich macht worum es in dieser Staffel eigentlich geht.
00:10:23: Um eine Lehrstelle die viele Fachkräfte aus ihrer Praxis zu gut kennt nämlich um die Fälle in denen Radikalisierung nicht isoliert betrachtet werden kann sondern zusammen mit psychischen Belastungen Erkrankungen oder komplexen psychosozialen Problemlagen.
00:10:36: Claudia zeigt uns sehr eindringlich dass es kein Randthema ist, sondern eher im Gegenteil.
00:10:41: in der langjährigen Fallarbeit von Grüner Vogel aber auch schon davor in der Vorgängerstruktur tauchten psychische Auffälligkeiten immer wieder auf und besonders häufig dort wo Radikalisierung schwerer und startschutzrelevanter wird.
00:10:52: Genau daraus ergibt sich die zentrale Botschaft dieses Auftaktes Beratung und Therapie dürfen nicht nebeneinander herlaufen, sondern müssen tatsächlich viel enger zusammenwirken.
00:11:01: Sondern eindrücklich war dabei auch noch mal das geschilderte Fallbeispiel für mich, da daran sehr konkret sichtbar wurde wie schnell Menschen zwischen Zuständigkeiten Bundesländern oder auch Hilfesystemen verloren gehen können selbst dann wenn eigentlich schon der Unterstützungsbedarf längst erkannt ist.
00:11:17: Welche Punkte nehme ich nun mit?
00:11:19: Erstens psychische Auffälligkeiten und Radikalisierung müssen häufiger zusammengedacht werden.
00:11:24: Zweitens gerade in so schweren Radikalisierungsverläufen braucht es verlässliche therapeutische und psychiatrische Anbindung.
00:11:32: Und drittens, gute Beratung braucht funktionierende Netzwerke.
00:11:35: Nicht nur im Einzelfall sondern tatsächlich strukturell damit sie funktionieren können.
00:11:39: und viertens es gibt bereits Modelle von denen man lernen kann und inspiriere dann wenn es um nachhaltig und abgestimmte Versorgungsstrukturen geht.
00:11:49: Damit ist die erste Folge zugleich Einstieg und Einladung genauer hinzuschauen zuzuhören Und die Schnittstellen zwischen Beratung und Therapie nicht als Nehmsache zu behandeln, sondern als eine der zentralen Zukunftsaufgaben für die Deradikalisierungsarbeit.
00:12:02: Danke dass ihr dabei wart!
00:12:04: Präventionsgezwitscher hört ja überall dort wo es Podcast gibt.
00:12:07: Wenn euch die Folge gefallen hat abonniert den Podcast gern und teilt ihn mit Kolleginnen Fachkräften oder allen die an Präventionensarbeit interessiert sind.
00:12:16: Bis zur nächsten Folge Dann mit Marcel Komarik vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
00:12:21: Macht's gut und bis bald.